Wirtschaftsflüchtlinge

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Definition: Menschen, die vor wirtschaftlicher Not geflohen sind

Englisch: economic migrant

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 07.05.2016; letzte Änderung: 02.10.2016

Sehr viele Menschen auf dieser Erde sind einer starken wirtschaftlichen Not ausgesetzt, der sie nicht entrinnen können. Manche davon versuchen ihr zu entgehen, indem sie ihre Heimat verlassen in der Hoffnung, anderswo aufgenommen zu werden, wo es ihnen besser geht. Solche Menschen werden häufig als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet, um sie damit beispielsweise von politischen Flüchtlingen zu unterschieden.

Extreme wirtschaftliche Not kann ein sehr nachvollziehbarer Fluchtgrund sein. Schließlich kann sie den Menschen nicht nur das Leben sehr schwer machen, sondern ihnen auch jegliche Entwicklungsperspektiven (auch für ihre Kinder) rauben.

Das Problem der Armut kann in der Tat nicht durch massenhafte Migration gelöst werden.

Allerdings kann das Problem der massenhaften Armut nicht dadurch gelöst werden, dass alle Betroffenen in anderen Ländern Zuflucht suchen. Dies schon deswegen, weil es für die meisten Armen schwer möglich ist, einen geeigneten Zielort zu identifizieren und die Reise dorthin zu unternehmen. Außerdem gibt es viel zu viele Arme, als dass alle irgendwo anders aufgenommen werden könnten, zumal in vielen Fällen die Integration in eine andere Gesellschaft schwierig ist. Beispielsweise gehört mangelnde Bildung häufig zu den Ursachen für Armut, und gerade wenn zusätzlich noch Sprachkenntnisse fehlen, wäre das Nachholen der benötigten Bildung ein langwieriger und für die aufnehmende Gesellschaft sehr aufwendiger Prozess.

Ein anderes Problem ist, dass die Not mancher anderer Menschen – etwa politisch verfolgter oder vor einem Krieg oder Bürgerkrieg fliehender Menschen – oft noch akuter ist. Schon deren Anzahl ist aber oft so hoch, dass die Kapazitäten von Aufnahmeländern erschöpft werden.

Aus solchen Gründen ist es nachvollziehbar, dass die meisten Gesellschaften nicht bereit sind, eine große Zahl von Armutsflüchtlingen aufzunehmen; entsprechend wird das Asylrecht auf Menschen mit anderen Fluchtursachen (z. B. politische Verfolgung) beschränkt. Besonders in Zeiten, in denen durch Kriege oder Bürgerkriege sehr viele akut bedrohte Menschen Unterstützung brauchen, verstärkt man die Bemühungen, Wirtschaftsflüchtlinge abzuweisen, um die vorhandenen Kapazitäten für die Kriegsflüchtlinge nutzen zu können.

Allerdings muss man sich fragen, ob eine pauschale Zurückweisung von Wirtschaftsflüchtlingen angebracht und gerechtfertigt ist:

Die Aufnahme gut integrierbarer Menschen, die bei uns zum gegenseitigen Nutzen arbeiten möchten, sollte über ein Einwanderungsgesetz geschehen und nicht über ein Asylverfahren.

In den meisten Fällen ist es jedenfalls unangemessen, Wirtschaftsflüchtlinge als “Asylbetrüger” abzuqualifizieren. Selbst wenn sie ein hierfür eigentlich nicht angemessenes Asylverfahren beginnen, ist dies in der Regel durch das Fehlen eines Einwanderungsgesetzes zu erklären und nicht als Betrug einzustufen.

Bekämpfung der Fluchtursachen

Schwere wirtschaftliche Not resultiert häufig aus dem Nicht-Funktionieren von Staaten. Beispielsweise gibt es Länder, in denen die Ansicht zur Verfügung stehenden Ressourcen aufgrund ausufernder Korruption nicht genutzt werden können, um den Lebensstandard der Bevölkerung wirksam zu heben. Solche Länder sollten bei der Bekämpfung der Korruption unterstützt werden – was freilich gegen den Willen der jeweiligen Regierung kaum möglich ist. Leider gibt es aber nicht wenige Fälle, in denen westliche Regierungen die Korruption in anderen Ländern sogar massiv fördern – etwa durch Kooperation mit Gewaltherrschern zwecks Ausbeutung der dort vorhandenen Ressourcen auf Kosten der Bevölkerung. Auch gesetzliche Regelungen für Inländer können die Korruption fördern. So war es in Deutschland bis 1999 für Firmen möglich, Bestechungsgelder im Ausland nicht nur straffrei zu zahlen, sondern sogar noch als Betriebsausgaben (“nützliche Aufwendungen”) steuerlich geltend zu machen; erst seit 2002 ist die Bestechung ausländischer Geschäftspartner strafbar.

Auch an sich nicht kriminelle Handelsbeziehungen können die Bevölkerung bestimmter Länder stark schädigen und zur Armutsmigration beitragen. Beispielsweise betreiben Fischereiflotten aus diversen europäischen Ländern eine starke Befischung von Gewässern rund um Afrika, so dass die Erträge für viele einheimischen Fischer zusammengebrochen sind und damit deren Erwerbsgrundlage entfallen ist. Dass hierfür gewisse Summen an die jeweiligen Regierungen gezahlt werden, hilft den Fischern nicht unbedingt; diese Gelder können anderswo versickern.

Natürlich liegt der Großteil der Verantwortung für Krisen, die Flüchtlingsströme auslösen, in den dortigen Ländern. Jedoch täten Länder wie Deutschland gut daran, ihre Mitverantwortung anzuerkennen und ihr Verhalten entsprechend zu ändern – nicht nur aus humanitären Gründen, sondern auch als einen Beitrag zur Verringerung der Flüchtlingskrisen.

Siehe auch: Flüchtlinge, Fluchtgründe, Asylbetrüger