Willkommenskultur

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Englisch: culture of welcome (better suggestion?)

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 14.03.2016; letzte Änderung: 05.11.2016

Ein großer Teil der deutschen Bevölkerung bemüht sich, Flüchtlingen mit Verständnis und Hilfsbereitschaft zu begegnen.

In Deutschland reagiert ein Teil der Bevölkerung auf die Flüchtlingskrise mit einer Haltung, die seit 2015 häufig als Willkommenskultur bezeichnet wird. Dies bedeutet, dass man den hier ankommenden Flüchtlingen mit einer möglichst freundlichen, aufgeschlossenen und hilfsbereiten Haltung begegnet. Besonders augenfällig (und für die Medien sichtbar) drückte sich dies beispielsweise dadurch aus, dass sich im September 2015 am Bahnhof München viele Menschen versammelten, um ankommende Flüchtlinge durch Klatschen zu begrüßen. Am überzeugendsten ist freilich die in vielen Orten sehr engagierte tatkräftige Hilfe für Flüchtlinge, getragen von Behörden und Ehrenamtlichen in Flüchtlingshelferkreisen.

Gleichzeitig bemühen sich andere Akteure mit teils gewalttätigen, selbst den Tod von Menschen in kauf nehmenden Brandanschlägen und anderen Methoden, genau das Gegenteil einer Willkommenskultur zu erzeugen: Flüchtlinge sollen mit drastischen Maßnahmen davor abgeschreckt werden, nach Deutschland zu kommen.

Inwieweit kann die deutsche Politik mit der Willkommenskultur in Verbindung gebracht werden?

Die deutsche Bundesregierung sendet widersprüchliche Signale aus. Einerseits wurde die im August 2015 gefällte Entscheidung, in Ungarn gestrandete Flüchtlinge auch entgegen den Schengen-Regeln in Deutschland aufzunehmen, mit der Willkommenskultur in Verbindung gebracht. Andererseits arbeitet die Bundesregierung in erster Linie daran, Deutschland für Flüchtlinge weniger attraktiv zu machen, insbesondere durch immer weitere Verschärfungen des Asylrechts. Auch die “Sicherung der EU-Außengrenzen” ist ein erklärtes Ziel; Flüchtlinge sollen also daran gehindert werden, in die EU einzureisen, um dort Schutz zu suchen. Insgesamt versucht die Bundesregierung einigermaßen freundlich zu wirken, andererseits aber möglichst viele Flüchtlinge vom Land fernzuhalten. Es ist an sich erstaunlich, dass der Bundesregierung von manchen Kreisen vorgeworfen wird, eine übertriebene Willkommenskultur zu pflegen.

Für Gastarbeiter gab es früher eine vom Staat geförderte Willkommenskultur.

Es gab schon viel früher Beispiele für eine Willkommenskultur, die unter Umständen auch vom Staat gezielt gefördert wurde. Beispielsweise wurden in den 1960er Jahren viele Gastarbeiter wärmstens nach Mitteleuropa eingeladen, da sie von der hiesigen Wirtschaft in Zeiten starken Wachstums gebraucht wurden. In diesem Falle spielte also der Eigennutz eine erhebliche Rolle, was heute im Bezug auf die Flüchtlinge wohl selten der Fall ist.

Positive Wirkungen der Willkommenskultur

Wer willkommen geheißen wird, wird sich in aller Regel auch selbst kooperativer zeigen.

Es ist anzunehmen, dass Flüchtlinge, die gleich zu Anfang herzlich willkommen geheißen werden, sich leichter tun werden, sich an die hiesigen Gegebenheiten anzupassen, auch wenn z. B. aufgrund von Engpässen die Umstände für sie alles andere als ideal sind. Grundsätzlich ist die Bereitschaft jedes Menschen, Anstrengungen für ein gutes Miteinander zu unternehmen, davon abhängig, ob die Gegenseite dieses Ziel ebenfalls erkennbar verfolgt.

Die Gefahr von Problemen zwischen Flüchtlingen und Bevölkerung wird reduziert, wenn gleich zu Anfang ein gutes Klima geschaffen wird.

Erfahrungsgemäß entscheidet sich häufig schon gleich zu Beginn neuer Kontakte, ob ein gutes Einvernehmen erreicht werden kann oder eine eher negative Beziehung entsteht. Wenn es einmal so weit ist, dass sich Flüchtlinge von der Bevölkerung zurückziehen und nur noch untereinander kommunizieren, besteht die Gefahr einer Ghettobildung, die einerseits den Flüchtlingen sehr schaden kann, andererseits aber auch erhebliche Gefahren für die ganze Gesellschaft mit sich bringt. Dem kann nur mit einer von Anfang an spürbaren Willkommenskultur wirksam begegnet werden.

Man kann stolz sein, zum guten Ruf seines Landes beizutragen, und dieser hat auch nützliche Folgewirkungen.

International findet die deutsche Willkommenskultur große Anerkennung, auch wenn teils eine deutliche Skepsis mitschwingt und insbesondere die Bereitschaft zur Nachahmung häufig fehlt. Jedenfalls dürfte die Willkommenskultur aber deutlich zu einem guten internationalen Ruf Deutschlands beitragen, was wiederum diverse positive Folgewirkungen haben kann – auch im wirtschaftlichen Bereich.

Befürchtete negative Wirkungen der Willkommenskultur

Wie sehr müsste der Ruf Deutschlands ruiniert werden, um die Zahl der ankommenden Flüchtlinge wirksam zu reduzieren? Möchten wir eine solche Strategie mit all ihren Konsequenzen wirklich verfolgen?

Trotz der kaum unbestreitbaren positiven Aspekte stieß die Willkommenskultur in Deutschland auch sehr rasch auf starke Kritik. Insbesondere befürchten viele, dass damit noch mehr Flüchtlinge nach Deutschland “gelockt” würden. Zwar wird die Entscheidung für oder gegen eine Flucht in aller Regel sehr viel mehr aufgrund von Problemen wie Krieg und Verfolgung gefällt werden; jedoch kann die Entscheidung für ein bestimmtes Fluchtland durchaus davon abhängen, wo man willkommen geheißen wird. Andererseits ist fraglich, in wie vielen Fällen speziell die Willkommenskultur solche Entscheidungen konkret beeinflusst hat; schließlich ist Deutschland allein schon aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke und stabilen Demokratie schon seit langem ein attraktives Einwanderungsland. Anders gesagt muss man sich fragen, wie sehr der Ruf Deutschlands ruiniert werden müsste, um die Zuwanderung von Flüchtlingen spürbar zu verringern.

Siehe auch: Flüchtlinge, Wir schaffen das, Gutmenschen