Konflikte von Werten und Interessen

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Englisch: conflicts of values and interests

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 10.03.2016; letzte Änderung: 01.11.2016

Die Migration im Allgemeinen und der Bereich des Asyls im Besonderen entwickeln sich in einem Spannungsfeld, das von vielfältigen Konflikten zwischen Werten und Interessen gekennzeichnet ist. Einige Aspekte hiervon werden im folgenden diskutiert.

Anspruch auf Hilfe, die Kosten für Andere bedeutet

Hilfe leisten und gleichzeitig Wohlstand bewahren?

Auf der einen Seite steht die ethische Verpflichtung, Menschen zu helfen, die unverschuldet in schwere Notlagen geraten sind. Andererseits gibt es ein verständliches Bedürfnis der Menschen in wohlhabenden Ländern, ihren Wohlstand möglichst weitgehend zu bewahren, also beispielsweise störende Einwirkungen in ihrer Umgebung oder Belastungen für den Staatshaushalt nach Möglichkeit zu beschränken.

Hier gilt es einen vertretbaren Ausgleich der Interessen zu finden. Es sollte einen weitreichenden Konsens darüber geben, dass es nicht vertretbar wäre, einen moderaten Wohlstandsverzicht zugunsten der Hilfe für Menschen in extremen Notsituationen zu verweigern. Wie weit dies im Einzelnen geht, kann nicht theoretisch ermittelt werden, sondern muss im gesellschaftlichen Dialog ausgehandelt werden, soweit es die Allgemeinheit betrifft.

Hilfe für Inländer und Ausländer

Insbesondere droht ein Konflikt zwischen sozial schwachen Inländern und den Migranten, wenn (zu Recht oder zu Unrecht) der Eindruck entsteht, die Zuwanderung ginge auf Kosten der sozial Schwachen.

Gewisse Gruppen versuchen solche Konflikte auch gezielt zu schüren und verfolgen hierbei meist Interessen, die mit dem Schutz hilfsbedürftiger Inländer wenig zu tun haben; Aufhetzung kann hiervon ablenken.

Das Aufhetzen von sozial Benachteiligten gegen Flüchtlinge ist nicht eine Form des sozialen Engagements. Im Gegenteil versuchen manche Politiker, sozial Schwache für sich einzunehmen, obwohl sie in Wirklichkeit die Interessen ganz anderer Kreise bedienen!

Zu bedenken ist hierbei, dass es in einer demokratischen Gesellschaft an sich unmöglich sein sollte, die Lasten größtenteils den Armen aufzubürden und die Gewinne für eine kleine Elite zu sichern; schließlich bilden die weniger Wohlhabenden in aller Regel die Mehrheit, und diese Mehrheit könnte verhindern, dass entsprechend agierende Politiker dauerhaft Einfluss behalten. Die Erfahrung zeigt aber, dass es in vielen Ländern doch mehr oder weniger dazu kommt. Dies ist nur dadurch möglich, dass man der weniger begünstigten Mehrheit weismacht, die genannte Politik entspräche in Wirklichkeit ihren Interessen. Ein klassisches Mittel hierbei ist es, die sozial Benachteiligten gegen die noch Schwächeren aufzuhetzen – also beispielsweise gegen Flüchtlinge, die sich weder durch demokratische Teilhabe noch auf andere Weise dagegen schützen können, oder gegen andere Minderheiten.

Inwieweit sollte Inländern bevorzugt geholfen werden?

Ungeachtet des oben Diskutierten muss prinzipiell entschieden werden, inwieweit Inländern bevorzugt geholfen werden sollte. Eine komplette Gleichbehandlung könnte im Prinzip als moralisch geboten angesehen werden – etwa ausgehend von der Frage, warum denn das Glück, als Bürger eines wohlhabenden Staats geboren zu sein, einem dauerhaft weiterreichende Rechte bringen sollte. Eine entsprechende Praxis würde allerdings die Grundlagen der Gesellschaft wohl relativ schnell zerstören – woraus sich auch eine gewisse ethische Berechtigung für die Bevorzugung von Inländern ergibt. Für das Finden der richtigen Balance gibt es wohl kaum klare und verlässliche Regeln; dies ist immer wieder neu zu diskutieren.

Ausgleich von Vorteilen und Nachteilen zwischen Inländern

Die Vor- und Nachteile der Migration treffen nicht jeden gleichermaßen – wie könnte man die Lasten und Gewinne angemessen ausgleichen?

Der Zuzug vieler Menschen hat vielfältige negative und positive wirtschaftliche Auswirkungen auf das Land. Diese treffen verschiedene Menschen in sehr unterschiedlicher Weise. Hierfür einige Beispiele:

Offenkundig ist es vorrangig eine Aufgabe der Politik, einen einigermaßen fairen Ausgleich solcher Vorteile und Nachteile herbeizuführen, allein schon um den gesellschaftlichen Frieden zu wahren. Leider sehen manche Politiker eine Gefährdung des öffentlichen Friedens offenbar nicht als ein zu lösendes Problem, sondern eher als eine Chance für den Zugewinn von Macht, weswegen sie entsprechende Konflikte gelegentlich sogar aktiv schüren.

Sicherheit

Inländer fühlen sich gelegentlich in ihrer Sicherheit durch die Migranten bedroht, auch wenn nur ein sehr kleiner Teil tatsächliche Gefahren verursacht. Andererseits liegt es auf der Hand, dass für abgewiesene Verfolgte oder Kriegsopfer massive Gefahren drohen. Selbst für diejenigen, die von uns nicht abgewiesen werden, ist das Leben objektiv und subjektiv deutlich gefahrvoller als für den Durchschnitt der inländischen Bevölkerung.

Wie wägt man das berechtigte Sicherheitsbedürfnis von Inländern und Ausländern ab?

Bekanntlich sind in den letzten Jahren viele Tausende von Flüchtlingen im Mittelmeer ertrunken, weil ihnen eine Einreise auf weniger gefährliche Weise verwehrt wurde und eine Alternative zur Flucht nicht bestand. Dies ist abzuwägen gegen die Gefahr, dass ein kleiner Teil der Flüchtlinge nach ihrer Einreise bei uns Gefährdungen erzeugt, etwa durch kriminelles Verhalten. Bislang ist unzweifelhaft festzustellen, dass die von Flüchtlingen verursachten Gefahren klein sind im Vergleich zu dem, was ein wesentlicher Teil der Flüchtlinge erleiden muss. Trotzdem empfinden viele Inländer innen selbst drohende Gefahren (selbst soweit sie nur theoretisch sind) weitaus stärker als selbst dringende Lebensgefahr für Menschen anderer Volksgruppen.

Werte und Verhaltensregeln

Wie können wir am effektivsten ein gemeinsames Verständnis von Werten und zu respektierenden Regeln schaffen?

Die Migranten kommen aus Kulturen, deren Werte und Regeln nicht immer mit den unseren harmonieren – etwa aufgrund eines noch wenig entwickelten Verständnisses für gewisse Grundrechte und den Wert des Pluralismus. Freilich sind solche Defizite bei Inländern durchaus auch nicht selten. Auch bei uns konnten sich noch nicht alle Bürger damit abfinden, dass beispielsweise die Diskriminierung von Homosexuellen nicht infrage kommt; schließlich fordern ja sogar mehrere heilige Schriften deren Tötung. Ähnliches gilt für die Gleichberechtigung von Frauen; die Einführung des Frauenwahlrechts, des Verbots der Vergewaltigung in der Ehe oder der systematischen Benachteiligung im beruflichen Leben musste stets gegen schwere gesellschaftliche Widerstände durchgesetzt werden, und bekanntlich gibt es hier immer noch viel zu tun.

Von daher ist es nicht verwunderlich, dass sich auch ein Teil der Flüchtlinge und der anderen Migranten aus Ländern, deren demokratische Entwicklung noch nicht gleich weit fortgeschritten ist, mit der Respektierung unserer mittlerweile errungenen Werte und Verhaltensregeln schwer tut. Ein einfacherer erster Schritt kann sein, dass aus Dankbarkeit für die erhaltene Hilfe die Regeln des Gastlands respektiert werden. In der folgenden Zeit wird hoffentlich durch einen fruchtbaren Dialog zwischen Ausländern und Inländern erreicht, dass das gegenseitige Verständnis wächst und man mit den meisten Menschen zu einem guten Miteinander findet.

Diejenigen, die besonders lauthals westliche Werte verteidigen wollen, werfen sie oft gerade selbst bedenkenlos über Bord!

Erschwert wird dieser Prozess natürlich, wenn bereits Feindseligkeiten aufgetreten sind. Deswegen bemühen sich diejenigen, die eine möglichst erfolgreiche Integration wünschen, besonders um einen guten Anfang (Stichwort Willkommenskultur), der weitere Fortschritte sehr begünstigt – während sich andere bemühen, möglichst viel Angst und Schrecken zu verbreiten, um den Integrationsprozess und den Dialog von vornherein zu verhindern. Natürlich liegt auf der Hand, dass die zuletzt genannte Gruppe gerade nicht die in Mitteleuropa etablierten Werte und Verhaltensregeln verteidigt, sondern vielmehr diese bedenkenlos über Bord wirft.

Religionen

Wertvorstellungen sind bei vielen Menschen eng mit Religionen verbunden. Oft wird sogar eine Religion als die eigentliche Quelle aller wichtigen Werte angesehen – vielleicht weil sie behauptet oder den Anschein erweckt, hierfür erst eine objektive Grundlage herzustellen. Dies ist freilich aus verschiedenen Gründen fragwürdig:

Einsichten, für die man sich erst subjektiv entscheiden muss, sind offenkundig nicht objektiver Natur. Sonst müssten sie ja für jeden, der sich damit befasst, zwangsläufig bindend werden.

Das fehlende Wissen über Wertvorstellungen anderer Religionen und Kulturen – und oft genug über die Ursprünge der Werte der eigenen Religion – können den Dialog sehr erschweren, vor allem wenn man sich dessen nicht bewusst ist.

Dass Wertvorstellungen subjektiver Natur sind, macht sie keinen Deut weniger wertvoll – im Gegenteil!

Wo sich religiöse Menschen der Subjektivität ihrer Werte bewusst sind, dürften sie kaum Schwierigkeiten haben, sich mit anderen religiösen Menschen oder mit nicht religiösen Menschen darüber frei auszutauschen. Häufig stellt man dann große Gemeinsamkeiten fest und findet relativ einfach zu einem tragfähigen Konsens. Wo Unterschiede bestehen, lassen sich diese häufig auf die Umstände zurückführen, in denen Menschen sozialisiert worden sind oder Religionen entstanden sind. Konflikte zwischen Werten entstehen am ehesten dann, wenn diese schon für den Einzelnen bestehen, d. h. wenn verschiedene Werte, die man für wichtig hält, sich teilweise widersprechen.

Werterelativismus kann man eine Voraussetzung für einen fruchtbaren und friedlichen Dialog ansehen!

Somit wird klar, dass der von manchen Religiösen so gefürchtete Werterelativismus gerade eine Voraussetzung für einen fruchtbaren Dialog und für die weitere gute Entwicklung von Werten ist, und keineswegs eine Gefahr für die Werte, sondern allenfalls für den Machtanspruch religiöser Führer. Immerhin ist zu beobachten, dass etliche wichtige religiöse Führer zwar (noch) nicht ausdrücklich anerkennen, keinen prinzipiell höheren Wahrheitsanspruch als andere Religionen zu verdienen, aber immerhin den Wert anderer Religionen und Kulturen ein gutes Stück weit anerkennen. Ein bemerkenswerter Vorreiter ist der Dalai Lama, der inzwischen schon so weit geht zu sagen, dass das zentral Wichtige für die Menschheit eigentlich die Ethik ist und nicht die Religion [1]. Er wirbt also in aller erster Linie nicht für die von ihm vertretene Religion, sondern für eine Reihe von Werten, die für die Menschheit wichtig sind – zum Teil sogar überlebenswichtig.

Freiheitliche humanistische Sichtweisen, die den Dialog zwischen den Kulturen und Religionen stark erleichtern können, sind noch nicht überall gut etabliert. Sie haben aber das Potenzial, weiter an Einfluss zu gewinnen.

Nun sind die hier vertretenen Sichtweisen in gewissen kulturellen Strömungen des Westens verankert, in manchen anderen Kulturkreisen dagegen wohl weniger. Sie entspringen auch nicht dem Christentum, dessen Ansprüche sie ein Stück weit zurückweisen, sondern eher im Humanismus, der im Rahmen der Aufklärung entwickelt wurde. Humanistische und freiheitliche Vorstellung haben in der westlichen Welt einen erheblichen Einfluss gewonnen, auch unter Christen. Weniger ist das der Fall in Gesellschaften, die konservativer und mehr der Macht religiöser Führer unterworfen sind. Dies dürfte den Dialog beispielsweise mit Vertretern des Islams, der ja in vielen weder politisch noch religiös gesehen freiheitlichen Ländern besonders stark verwurzelt ist, in vielen Fällen erschweren, soweit die vertretenen Werte nicht ohnehin übereinstimmen. Jedoch sollte man sich hierbei sicherlich immer bewusst sein, dass gewisse geistige Errungenschaften – beispielsweise der Anspruch des Individuums auf geistige Freiheit – auch in unserem Kulturkreis nicht schon immer bestanden und teils bis heute gegen Widerstände verteidigt werden müssen. Zudem sollte die offenkundige Überzeugungskraft humanistisch begründeter Freiheit ermutigend wirken: Viele Menschen, die sehr unfreien Zuständen in anderen Ländern entkommen sind, dürften die Freiheit mindestens so sehr wie wir suchen und entsprechende Gedanken kaum weniger attraktiv finden als wir. Gerade wo solche Menschen offen empfangen werden, also eine Willkommenskultur erfahren, hat man gute Chancen, dass humanistische Gedanken auch vermehrt in andere Religionsgemeinschaften eindringen.

Humanistisches Gedankengut gefährdet die geistige Macht religiöser Agitatoren z. B. des Islamischen Staats wirksamer als wohl alles andere. Gerade weil das von ihm zur schließende Potenzial zur Kooperation im Interesse unserer Gesellschaft wie auch der Flüchtlinge liegt, hatte seine große Chance, wo immer der Dialog zustande kommt.

Übrigens könnte das Streben gewalttätiger Islamisten (etwa des “Islamischen Staats”), möglichst starke Konflikte zwischen westlichen Gesellschaften und muslimischen Flüchtlingen zu schüren (etwa durch Hetze oder auch durch Terroranschläge mit Tarnung durch Flüchtlinge), genau aus der Angst entstehen, dass Muslime bei uns von humanistischen Gedanken infiziert werden könnten. Damit würde auch die geistige Macht religiöser Agitatoren über diese Menschen weiter geschwächt. Natürlich liegt es in unserem Interesse genauso wie in dem der Flüchtlinge, genau diese Befürchtung möglichst umfassend wahr werden zu lassen; auf diesem Wege wird ein friedliches Zusammenwirken und eine gemeinsame Lösung diverser Probleme erst möglich.

Den friedlichen Dialog fürchten radikale Islamisten genauso wie radikale Islam-Feinde; beide sehen dadurch ihre Positionen bedroht.

Es sei noch angemerkt, dass islamfeindliche Kreise in Europa ähnliche Verhaltensmuster wie radikale Islamisten erkennen lassen: Auch sie fürchten den friedlichen Dialog wie die Pest, weil sie schon darin angeblich eine Gefahr der Islamisierung des Abendlands oder jedenfalls eine Bedrohung für ihre Positionen sehen. Ihre Hetze ist zunehmend deutlich nicht etwa eine Abwehr von Gefahren (etwa von Terrorismus), sondern richtet sich gerade auch gegen einen friedlichen Dialog, der diese Gefahren vermindert, damit aber eben auch die Fundamente der populistischen Agitation zurückdrängt.

Herausforderungen annehmen!

Man kann den genannten Konflikten von Werten und Interessen nicht entgehen. Manchen mag die vermeintlich einfache “Lösung” vorschweben, das Zusammenleben mit Flüchtlingen und anderen Migranten gar nicht erst zu versuchen oder auf sehr überschaubare Zahlen von Menschen zu begrenzen. Damit würden aber diverse Werte massiv verletzt und zudem wieder neue Konflikte und Gefahren geschaffen. Ohnehin verläuft die entscheidende Konfliktlinie weder geographisch noch z. B. zwischen Christentum und Islam, sondern vielmehr zwischen den einen, die Frieden durch Dialog und Kooperation suchen und den anderen, die auf gewaltsamen Kampf und Abschottung setzen.

Wir sind dringend darauf angewiesen, dass wir die Flüchtlingskrise kooperativ bewältigen (“wir es schaffen”). Es wäre eine Katastrophe, wenn die Zusammenarbeit in Europa endgültig zusammenbräche und ein rücksichtsloses Handeln der Nationalstaaten wieder zur Regel würde!

Letztendlich bleibt uns auch die Flüchtlingskrise betreffend nichts anderes übrig, als die Herausforderungen anzunehmen. In diesem Sinne ist der berühmt gewordenen Satz “Wir schaffen das” von Angela Merkel zu verstehen – nicht als eine wagemutige Prognose, sondern vielmehr als eine Aufforderung, sich den Herausforderungen guten Mutes zu stellen, um bestmögliche Lösungen zu erzielen. Dies in der Einsicht, dass eine ernsthaft zu erwägende Alternative ohnehin nicht besteht: Es wäre töricht, etwa einen Rückfall Europas in rücksichtsloses nationales Handeln in Kauf zu nehmen, nur um damit gewisse Lasten vorläufig auf andere abschieben zu können. Eine einigermaßen funktionierende Kooperation innerhalb des Landes wie auch auf internationaler Ebene ist erkennbar die unverzichtbare Voraussetzung für eine wünschenswerte Zukunft unseres Landes.

Literatur

[1]Der Appell des Dalai Lama an die Welt, Benevento Publishing (2015), ISBN 978-3-7109-0000-6

(Zusätzliche Literatur vorschlagen)

Siehe auch: Kooperation, Menschenrechte