Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

<<<  |  >>>

Definition: feindselige Einstellungen gegen Menschen, die einer gewissen Gruppe zugerechnet werden

Englisch: group-focused enmity

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Erstellung: 12.02.2017

Der Begriff gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wurde von Sozialwissenschaftlern der Universität Bielefeld eingeführt als ein Oberbegriff für Phänomene wie Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und Homophobie. Grundsätzlich geht es um offene oder auch verdeckte feindselige Einstellungen, die sich pauschal gegen solche Menschen richten, die (zutreffend oder vermeintlich) als zu gewissen Gruppen zugehörig betrachtet werden, also kein entsprechend individuelles Verhalten der angefeindeten Personen voraussetzen. Häufig gehen solche Haltungen gegen verschiedene Gruppen Hand in Hand, weswegen die Sozialwissenschaftler auch von einem Syndrom sprechen – ähnlich wie in der Medizin, wo man unter einem Syndrom eine Kombination verschiedener Krankheitssymptome versteht. Ebenso wie bei medizinischen Syndromen ist auch oft zu vermuten, dass die einzelnen Spielarten der Feindseligkeiten nicht zufällig koexistieren, sondern gemeinsame tiefere Ursachen etwa sozialer oder psychologischer Art haben.

Bislang wurde häufig der Begriff Rassismus mangels einer guten Alternative auch dort verwendet, wo dies eigentlich fragwürdig war, da eine Diskriminierung nicht wirklich auf einer Rassenzugehörigkeit basierte, oder wo dies zumindest fraglich war. Wenn man in solchen Fällen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit spricht, vermeidet man eine in womöglich wichtigen Details falsche Einordnung. Vermutlich deswegen wird der neue Begriff seit einigen Jahren zunehmend auch z. B. von Journalisten und Menschenrechtsaktivisten verwendet.

Eine möglichst eindeutige und auch objektive Einordnung ist besonders wichtig für empirische sozialwissenschaftliche Untersuchungen, insbesondere bei Langzeituntersuchungen zur Entwicklung feindseliger Haltungen in der Bevölkerung. Deswegen wurde gerade in diesem Zusammenhang versucht, solche Haltungen mit einem präzisen Begriffssystem zu erfassen. In der Folge wurden Tests entwickelt, beispielsweise in Form von Multiple-Choice-Fragen, mit denen entsprechende Einstellungen durch Befragung von Personen ermittelt werden können. Beispielsweise wurden Testpersonen nach Zustimmung oder Ablehnung zur folgenden Aussage befragt: “Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat”. Die Zustimmung wurde so gewertet, dass nicht nur eine Ablehnung der Politik Israels vorliegt, sondern auch Juden pauschal abgelehnt werden, obwohl diese natürlich längst nicht alle für die genannte Politik verantwortlich sind. Ein Fehlermöglichkeit könnte hier darin bestehen, dass manche Menschen zustimmen, die eine Förderung des Antisemitismus durch die Besetzungspolitik Israels befürchten, ohne selbst die Pauschalisierung auf alle Juden zu befürworten. Dieses Beispiel zeigt, dass solche Tests keineswegs einfach zu erstellen sind und Interpretation ihrer Resultate deswegen häufig auch umstritten bleibt.

Die genannten sozialwissenschaftlichen Arbeiten basieren im Übrigen auf dem sogenannten Bielefelder Desintegrationsansatz, der insbesondere im Umfeld von Prof. Wilhelm Heitmeyer (Universität Bielefeld) für die Deutung der empirisch gewonnenen Resultate verwendet wird. Eine Grundthese ist hier, dass Gesellschaften z. B. aufgrund von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen Tendenzen zur Desintegration (Ausgrenzung) von Teilen der Bevölkerung haben können, die nicht nur Folge, sondern gerade auch Ursache für die Entstehung feindseliger Haltungen sein können. (Der Blick der Forscher richtet sich hier also nicht auf psychologische Entwicklungen einzelner Menschen, sondern primär auf in einer Gesellschaft entstehende Risikofaktoren.) Aus solchen Deutungen können im Weiteren auch Vorschläge für die Bekämpfung der Problematik erarbeitet werden. In diese Richtung geht beispielsweise die derzeit zunehmend Beachtung findende These, eine sozialer als bisher ausgerichtete Politik sei notwendig, um die Bildung “abgehängter” Teile der Bevölkerung und in der Folge deren Anfälligkeit für radikale Tendenzen nach Möglichkeit zu verhindern. Allerdings ist der Bielefelder Desintegrationsansatz nicht unumstritten – genauso wie wohl jede These, die nicht trivial (etwa selbstevident) ist und gleichzeitig konkrete Forderungen produziert.

Die Verwendung des Begriffs “gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” erscheint aber in jedem Fall sinnvoll, da der Begriff primär beschreibend wirkt, also keine bestimmten Deutungen voraussetzt. Wo sich Feindseligkeiten gewissen enger umrissenen Kategorien wie z. B. Rassismus zuordnen lassen, sind entsprechende Begriffe natürlich aussagekräftiger; jedoch kann man sie vermeiden, wo die Zuordnung nicht klar genug ist.

Literatur

[1]Wikipedia zu “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit”, https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppenbezogene_Menschenfeindlichkeit
[2]Portal der Amadeu Antonio Stiftung zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/die-stiftung-aktiv/themen/gegen-gmf/definitiongmf/

(Zusätzliche Literatur vorschlagen)

Siehe auch: Rassismus